Der Baader Meinhof Komplex ist ein Film über die Entstehung der ersten Generation der RAF, deren Festnahme, Prozess und versuchten Freipressung durch die Mitglieder der 2. Generation und endet 1977 mit dem Mord am entführten Hans Martin Schleyer.
Während meines Studiums in der Filmklasse Hochschule der Künste wurde uns in einem Drehbuchseminar einmal die Aufgabe gestellt, Ideen zu einer Szene einer konfliktreichen Situation zu liefern. Darauf habe ich eine Szene die am möglicherweise letzten Tag im Leben Ingeborg Barz‘ spielt. Sie war ein RAF Mitglied der ersten Generation und gilt als untergetaucht. Aussagen von RAF Mitgliedern nach sei von Andreas Baader umgebracht worden, dies konnte aber nie belegt werden, eine Leiche wurde ebenfalls nie gefunden. Angeblich wurde Barz liquidiert nachdem sie sich geäussert haben soll aussteigen zu wollen.
Diese eigentlich harmlose Situation liess bei meiner Dozentin die Emotionen hochgehen: “Über die RAF kann man keine Filme machen”. Auf die Frage hin wieso den nicht kam eine etwas konfuse Antwort: “Das ist ein Wespennest, in das sie lieber nicht hinein trampeln. Die Leute reagieren sehr emotional und irrational auf das Thema RAF.”
Soweit so gut. Beziehungsweise: ist das tatsächlich unmöglich? So unmöglich nun offenbar doch wieder nicht. Was jedoch bedeutet es einen Film über die RAF zu machen?
Nur schon das Vorhaben, die Geschehnisse möglichst wahrheitsgetreu zu wiedergeben und die Figuren so echt wie möglich zu gestalten ist eine ziemlich Herausforderung.
Das möglichst wahrheitsgetreue Wiedergeben der Ereignisse ist eindeutig die einfachere Aufgabe. Im grossen Ganzen sind die Vorgänge klar, doch im Detail wimmelt es von Widersprüchen und gegenteiligen Aussagen oder es fehlen schlicht jegliche Hinweise auf Details von Geschehnissen. Im Film werden Inszenierung und Original-Fernsehberichte geschickt miteinander Verbunden, so dass während des Films die Inszenierungen als Angemessen verifiziert werden kann. Das ist ein interessanter Ansatz, da die inszenierten Gewaltszenen völlig übertrieben wirken. Schaut man sich jedoch die Tagesschau-Berichte über Attentate an so sind Blutbäder und von Kugeln zersiebte Autos allgegenwärtig. Geteilter Meinung kann man über das Manipulieren von Originalaufnahmen sein: in den Fernsehberichten wurden Fahndungsfotos der echten Terroristen durch Imitate mit den Schauspielern ersetzt. So verschwimmt die Grenze zwischen Inszenierung und Fiktion umso mehr, zum Guten oder Schlechten sei dahingestellt.
Die Gestaltung der Figuren ist umso schwieriger: Reichen die Aufnahmen (grösstenteils auf Tonband) der Hauptakteure der RAF für die Schauspieler um authentische Figuren zu schaffen? Die Aufnahmen an sich sind ja im Grunde alles auch Inszenierungen, seien es Gerichtsaufnahmen, Radiosendungen oder die Verlesung eines Manifests zur Gründung^ der RAF. Abgesehen von den individuellen Leistungen wurde vor allem bei den beiden Hauptfiguren Ulrike Meindorf und Andreas Baader aus mir nicht ganz klaren Gründen darauf geachtet dass es klar wird dass sie die intelektuelle und er der aufbrausende Gewalttätige ist. In der Realität scheint das aber etwas anders Gewesen zu sein, so könnte Baader ebenso allen das Wort im Munde umdrehen oder einen auf maoistische Propaganda-Gymnastik machen.
Was die individuellen Leistungen angeht: Martina Gedeck leistet meines Erachtens als Ulrike Meinhof ausgezeichnete Arbeit. Sie hat diese wirre Theorie-Leier extrem gut drauf, dazu spielt sie sehr glaubhaft und mit viel Gefühl für die Situation.
Moritz Bleibtreu ist ein Trampel. Vielleicht hat man ihn deswegen ausgewählt, wer weiss. Aber er spielt Baader als coole Actionfigur, definitiv ein schlechter Zug.
Des weiteren fällt Bruno Ganz für seine komplett überkandidelte Darbietung als Präsident des Bundeskriminalamtes Horst Herold auf. Alle Reden mit irgend einem deutschen Akzent, ausser der Herr Ganz. der spricht hervorragendes Bühnendeutsch mit rollendem rrrr als müsse er (wieder einmal) den Klischee-Nazi geben.
Sebastian Blomberg fällt hingegen positiv in der Figur des Rudi Dutschke auf. Er bringt die Figur mit extrem viel Charisma.
Dramaturgisch gesehen stellt sich die Frage, ob nicht doch zu viel Manipulation im Film betrieben wird, vor allem auf der Tonebene. Muss ein Film über die RAF einen peitschenden, dramatischen, genretypischen Soundtrack haben? Wie hätte Fassbinder die Geschichte inszeniert? Eben. Wahrscheinlich ohne Musik und ohne vollausgesteuerter Tonspur die mit allen möglichen Soundeffekten aufgemotzt wurde.
Alles in allem jedoch kein schlechter Film, zumal man in zweieinhalb Stunden eine gute Zusammenfassung der ersten Jahre der RAF bekommt, die von der Spannung her keine Hänger hat und dazu anregt, sich intensiver mit dem Thema zu befassen.
PS:
Als kleiner Bub (c.a. 1978) ging ich immer gerne auf den Schrottplatz in unserer Nähe. Dort hielt ich jeweils nach Unfall-Autos Ausschau. Mit den blutverspritzen Sitzen und eingeschlagenen Scheiben sahen die genau so aus, wie die Autos die ich im Fernsehen sah, wenn über die Brigate Rosse berichtet wurde.
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