Im Filmpodium der Stadt Zürich findet diesen Monat jeweils mittwochs um 18.30 eine Vortragsreihe zu Schauspielen im Film statt. Die Voträge hält Fred van der Kooij und sind wärmstens zu empfehlen.
Aus dem Filmpodium Programm:![]()
Hartnäckig hält sich das Fehlurteil, wonach Filmschauspieler möglichst wenig zu tun hätten, weil jede Geste zu viel auf der Leinwand sogleich theatralisch wirke. Unser bewährter Mann für frische Blicke, der Filmregisseur und -dozent Fred van der Kooij, tritt in fünf Vorlesungen an, mit diesem Klischee aufzuräumen.
Van der Kooij Ausführungen sind kurzweilig und interessant, zudem illustriert er seine Ansichten mit FIlmausschnitten. Diese zeigt er zum Teil in analysierten Fassungen ein zweites Mal, wobei er jeweils Gesten und körperhaltungen hervorhebt.
Folgende Punkte haben sich für mich herauskristallisiert:
Theater vs Film
Das Theater ist in seiner Form viel freier als der Film. Dieser ist sehr stark an den Realismus gebunden, rein schon durch die Präsenz realer Gegenstände und Originalschauplätze. Im Theater bietet die Kulisse die Möglichkeit zur Abstraktion, die dann auch im Spiel aufgegriffen werden kann. Gleichzeitig ist jede Spielsituation im Film auch geprägt durch komplette Künstlichkeit, da der Realkulisse die Künstlichkeit des Sets mit seinen Lampen, Maschinen, Markierungen am Boden etc gegenüber steht.
Der heftigste Unterschied jedoch liegt im Umgang mit dem Spannungsbogen der Schauspielerischen Leistung. Während Schauspieler für ein Theaterstück die Spielspannung über 2-3 Stunden Konstant hich halten können müssen, müssen Schauspieler auf einem Set sich inner Minuten auf dieses Niveau “pumpen” um dann nach dem Abdrehen einer Einstellung 1 stunde warten zu können bis die nächste Klappe geschlagen wird. Dieses auf und ab muss dann jedoch meist über Tage und Wochen geschafft werden.
Repertoire der Gesten
Schon seit dem Stummfilm machen sich Schauspieler minuziös geplanter und akribisch geübter Gesten zu nutze um ihre Figuren zum leben zu erwecken.
Als Beispiel bringt van der Kooij hier einen Ausschnitt aus King Kong in dem ein Regisseur eines Stummfilms einer Schauspielerin (Fay Wray) Anweisungen gibt, wie sie zu reagieren hat wenn sie das Unfassbare sieht. Eine lustige Kombination aus Anweisung und Umsetzung.
Dieser Clip enthält die Szene ab der 4. Minute:
Bezüglich komplett internalisiertem Gestenrepertoire ist natürlich Isabelle Huppert sehr intensiv. Eine Analyse einer etwa 80 sekündigen Szene aus Malina ergab etwa 35 verschiedene Gesten, die Huppert macht und damit sehr fahrig, aber nie theatralisch wirkt. Die Analyse kann im Trailer auf der Website der Vorlesungsreihe angeschaut werden.
Ein weiteres Beispiel ist Eleanor Boardman die im folgenen Ausschnitt eine Frau spielt, die von ihrem Mann verlassen wird. Ab 2:43 sehen wir ihre Reaktion darauf. Extrem eindrücklich die Verwendung von fahrigen Gesten die ein nicht wahrhaben wollen signalisieren und Pausen, die wie ein realisieren der Situation scheinen. Sie fährt sich mit ihrer rechten Hand an den Kopf und nimmt dort allerhand Positionen ein. Darauf kommt die Linke Hand auch an Ihren Kopf und sie fährt mit einer komplett symetrischen Bewegung fort.
Brigitte Helm
gezeigt wurde auch ein Ausschnit mit der relativ unbekannten Schauspielerin Brigitte Helm, deren bekannteste Rolle die Maria aus Fritz Langs Metropolis ist. Van der Kooij hält Helm für massiv vielseitiger als es die Dietrich oder die Garbo je waren. Die Ausschnitte die er zeigte, liessen ihn Recht behalten; ab sofort ist Brigitte Helm meine neue Glitz & Glam Heldin der 20er / 30er Jahre.
Brigitte Helm (was für ein charmant uncooler Name, jedoch einiges cooler als ihr echter: Schittenhelm) gab das Schauspiel jedoch mitte 30er Jahre komplett auf, als sie nur noch für Rollen gecastet wurde in denen sie einen Engel spielt der sich in einen Vamp verwandelt oder umgekehrt.
Hier ein Ausschnitt aus Die wunderbare Lüge der Nina Petrowna (1929, Regie Hanns Schwarz)
Und der Anfang von G.W. Pabsts Abwege (1928)
Website der Vorlesungsreihe samt Trailer
Tags: Brigitte Helm, filmpodium, Fred van der Kooij, Isabelle Huppert, Schauspiel